Der Blick nach Süden

Afrika – Afrikageschichte – Eiszeit – Völkerwanderung – Emigration – Immigration – Flucht – Gibraltar – Klimaveränderung – Afrikageschichte – Science Fiction – Gletscher – Buchtipp – Afrikabuch


Der Blick nach Süden
© Raiko Milanovic

Ich folgte dem alten Pfad durch die warme Nacht, bis ich an Großvater Apudos Zaun stieß. Hier kam ich nicht weiter, das wusste ich ja, aber meine Füße kannten den Weg, am Zaun entlang bis an das Tor.
„Mzee“, rief ich, „mach auf! Ich bin zurück!“
Licht flammte auf, eine Tür öffnete sich und Großvater lugte zur Tür heraus. Die Tür ruckte noch einmal und flog auf, dann rannte Akinyi heraus.
„Mzee, mach auf, mach auf! Es ist Mgeni!“ Sie lachte und tanzte vor dem Tor, bis der alte Mann kam zu öffnen.
„Mgeni, wie schön! Seit wann bist du zurück?“
Ich kam nicht weiter als „Gut“ zu sagen, weil Akinyi versuchte an mir hochzuklettern. Sie ließ von mir ab und rannte ins Haus um Jibu zu holen. Er kam und hatte nichts Besseres zu tun als über meine Verspätung zu bemerken und über meine Blässe zu sticheln. Aber wir lachten zusammen und ich nahm es ihm nicht krumm.
Akinyi schaffte es, noch mehr Menschen aus dem Haus zu locken, die mich mit Fragen, Geschwätz und Gelächter überschütteten. Alle Fenster waren erleuchtet und Akinyi tanzte mit den Kindern und rief mit heller Stimme nach noch mehr Tänzern. Freunde und Verwandte kamen. Doch bevor der Hof meines Großvaters zum Tollhaus wurde, nahm Großmutter die Sache in die Hand. Sie scheuchte die Kinder zu den Frauen, rief gebieterisch nach Essen und Bier, beschimpfte Koch wie Mägde und ließ den alten Herd, trotz lautstarken Protestes, anfeuern um selber zu kochen. Alles lachte und schwatzte, lärmte und tanzte, während es aus der Küche immer besser roch und ich mich endlich zurücklehnen konnte.
Wir aßen im Wohnzimmer, alle Möbel an die Wand gerückt, auf dem Boden. Es war schön, wieder im Kreis der Familie zu sitzen, auf den alten Bastmatten, inmitten von Tellern und Töpfen und freundlichem Geschwätz. Ich hatte schon lange nicht mehr so gesessen oder gegessen, aber ich hielt mit, so gut ich konnte, obwohl Großmutter mit noch einem Teller aus der Küche kam.
„Nimm noch, mein Junge. Das hier ist richtiges Essen. Nicht das moderne Zeug aus dem Flugzeug.“
Sie konnte Mikrowellen nicht leiden, weil sie ihr die Vorfreude beim Kochen nahmen. Ich drückte den Teller schwach gegen ihre fürsorgliche Hand und erreichte ein Patt, sodass er vor mir auf den Boden sank. Jibu grinste schadenfroh und meinte, dass die Reise mir nicht nur die Farbe, sondern auch den Appetit genommen hätte. Ich knuffte ihn und er schubste zurück.
Großvater räusperte sich. „Ihr wart diesmal auf Mallorca?“
„Ich bin Ski gefahren, Großvater. Richtig Ski gefahren. Auf echtem Schnee! Kolja hat es mir gezeigt.“
„Kolja?“, fragte Großmutter.
„Nikolaj, vom Moskauer Institut. Wir mussten so oder so jeden Tag vom Gletscher herunter, da, meinte Kolja, könnten wir auch Skier nehmen und ein bisschen Spaß haben.“
Großmutter runzelte die Stirn und schüttelte ungläubig, fast tadelnd den Kopf. „In der Kälte? Bei Eis und Schnee?“
„Es macht Spaß, Großmutter. Es knirscht leise, wenn man über den Schnee gleitet und die Schneeflocken glitzern in der Sonne. Es ist wunderschön.“
Ich holte meinen Laptop heraus und zeigte Bilder. Die Familie kicherte, als sie mich auf dem Bildschirm erkannten; ein schwarzes Gesicht in einem orangenen Parka vor dem Gletscher des Soler Massivs.
„Und die Flüchtlinge?“, fragte Großvater nachdem mein Laptop die Runde gemacht hatte.
„Auf dem Gletscher sind natürlich keine, sie drängen sich alle an der Küste. Die ist noch eisfrei, aber …“
Großvater nickte müde. „Ich weiß, fast zweihundert Millionen Menschen.“
Niemand sprach und Akinyi schaute erstaunt in die Runde, bevor sie sich wieder an mich kuschelte.
Großvater tippte an den Laptop. „Ihr habt das Gutachten?“
Ich nickte. „Ja, es ist fertig.“
„Wie sind die Aussichten?“
Ich holte tief Luft. „Der Gletscher am Soler Massiv ist bereits an die hundert Meter stark und wird weiter wachsen.“
„Und die Küste?“
„Das kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Es gibt zu viele Variablen, weißt du, aber wir haben eine fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeit ermittelt, dass sie eisfrei bleibt.“
„Also wisst ihr es nicht genau.“
Ich nickte.
„Und die Menschen?“
„Sie können nicht bleiben. Egal, ob die Küste eisfrei bleibt oder nicht, die bewohnbare Zone wird schrumpfen.“
„Und das Festland? Wie ist deine Prognose?“
„Die Gleiche wie für die Inseln, Großvater. Der Rest des Golfstroms wird die Westküste warm halten, aber das Hauptland wird in ein paar Jahren vereisen. Ich kann dir die Wachstumsraten zeigen …“
Er schüttelte den Kopf, als ich nach dem Laptop griff.
Ich legte meine Hand auf seine. „Da ist noch was, Großvater.“
„Gibraltar?“
„Ja, Gibraltar. Es wird vollständig zufrieren. Nächstes Jahr schon. Und dann ist der Landweg nach Afrika offen.“


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