Kurzgeschichten Afrika

Erzähl mir was von Afrika

Erzähl mir was von Afrika


Kurzgeschichten über Afrika


Erzähl mir was von Afrika
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-2-9 (Buch)
ISBN 978-3-939937-66-1 (eBook im epub-Format)
ASIN B008ZND7N6 (eBook Amazon Kindle Edition


Afrika – dunkel, geheimnisvoll und faszinierend.
Dieses Buch enthält eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichtenwettbewerb „Afrika“.
14 Kurzgeschichten zeigen die Faszination des „Schwarzen Kontinents“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Geographisch umspannen sie den Kontinent von Nord nach Süd und von West nach Ost, von Ägypten bis Südafrika, von Guinea bis Kenia. Auf der Zeitachse reichen die Geschichten von den Anfängen der Menschheit bis in die Zukunft. Sie erinnern an dunkle Kapitel der Vergangenheit und sie beleuchten das afrikanische Alltagsleben und Probleme der Gegenwart.

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Der Blick nach Süden

Afrika – Afrikageschichte – Eiszeit – Völkerwanderung – Emigration – Immigration – Flucht – Gibraltar – Klimaveränderung – Afrikageschichte – Science Fiction – Gletscher – Buchtipp – eBook – Afrikabuch


Der Blick nach Süden
© Raiko Milanovic

Ich folgte dem alten Pfad durch die warme Nacht, bis ich an Großvater Apudos Zaun stieß. Hier kam ich nicht weiter, das wusste ich ja, aber meine Füße kannten den Weg, am Zaun entlang bis an das Tor.
„Mzee“, rief ich, „mach auf! Ich bin zurück!“
Licht flammte auf, eine Tür öffnete sich und Großvater lugte zur Tür heraus. Die Tür ruckte noch einmal und flog auf, dann rannte Akinyi heraus.
„Mzee, mach auf, mach auf! Es ist Mgeni!“ Sie lachte und tanzte vor dem Tor, bis der alte Mann kam zu öffnen.
„Mgeni, wie schön! Seit wann bist du zurück?“
Ich kam nicht weiter als „Gut“ zu sagen, weil Akinyi versuchte an mir hochzuklettern. Sie ließ von mir ab und rannte ins Haus um Jibu zu holen. Er kam und hatte nichts Besseres zu tun als über meine Verspätung zu bemerken und über meine Blässe zu sticheln. Aber wir lachten zusammen und ich nahm es ihm nicht krumm.
Akinyi schaffte es, noch mehr Menschen aus dem Haus zu locken, die mich mit Fragen, Geschwätz und Gelächter überschütteten. Alle Fenster waren erleuchtet und Akinyi tanzte mit den Kindern und rief mit heller Stimme nach noch mehr Tänzern. Freunde und Verwandte kamen. Doch bevor der Hof meines Großvaters zum Tollhaus wurde, nahm Großmutter die Sache in die Hand. Sie scheuchte die Kinder zu den Frauen, rief gebieterisch nach Essen und Bier, beschimpfte Koch wie Mägde und ließ den alten Herd, trotz lautstarken Protestes, anfeuern um selber zu kochen. Alles lachte und schwatzte, lärmte und tanzte, während es aus der Küche immer besser roch und ich mich endlich zurücklehnen konnte.
Wir aßen im Wohnzimmer, alle Möbel an die Wand gerückt, auf dem Boden. Es war schön, wieder im Kreis der Familie zu sitzen, auf den alten Bastmatten, inmitten von Tellern und Töpfen und freundlichem Geschwätz. Ich hatte schon lange nicht mehr so gesessen oder gegessen, aber ich hielt mit, so gut ich konnte, obwohl Großmutter mit noch einem Teller aus der Küche kam.
„Nimm noch, mein Junge. Das hier ist richtiges Essen. Nicht das moderne Zeug aus dem Flugzeug.“
Sie konnte Mikrowellen nicht leiden, weil sie ihr die Vorfreude beim Kochen nahmen. Ich drückte den Teller schwach gegen ihre fürsorgliche Hand und erreichte ein Patt, sodass er vor mir auf den Boden sank. Jibu grinste schadenfroh und meinte, dass die Reise mir nicht nur die Farbe, sondern auch den Appetit genommen hätte. Ich knuffte ihn und er schubste zurück.
Großvater räusperte sich. „Ihr wart diesmal auf Mallorca?“
„Ich bin Ski gefahren, Großvater. Richtig Ski gefahren. Auf echtem Schnee! Kolja hat es mir gezeigt.“
„Kolja?“, fragte Großmutter.
„Nikolaj, vom Moskauer Institut. Wir mussten so oder so jeden Tag vom Gletscher herunter, da, meinte Kolja, könnten wir auch Skier nehmen und ein bisschen Spaß haben.“
Großmutter runzelte die Stirn und schüttelte ungläubig, fast tadelnd den Kopf. „In der Kälte? Bei Eis und Schnee?“
„Es macht Spaß, Großmutter. Es knirscht leise, wenn man über den Schnee gleitet und die Schneeflocken glitzern in der Sonne. Es ist wunderschön.“
Ich holte meinen Laptop heraus und zeigte Bilder. Die Familie kicherte, als sie mich auf dem Bildschirm erkannten; ein schwarzes Gesicht in einem orangenen Parka vor dem Gletscher des Soler Massivs.
„Und die Flüchtlinge?“, fragte Großvater nachdem mein Laptop die Runde gemacht hatte.
„Auf dem Gletscher sind natürlich keine, sie drängen sich alle an der Küste. Die ist noch eisfrei, aber …“
Großvater nickte müde. „Ich weiß, fast zweihundert Millionen Menschen.“
Niemand sprach und Akinyi schaute erstaunt in die Runde, bevor sie sich wieder an mich kuschelte.
Großvater tippte an den Laptop. „Ihr habt das Gutachten?“
Ich nickte. „Ja, es ist fertig.“
„Wie sind die Aussichten?“
Ich holte tief Luft. „Der Gletscher am Soler Massiv ist bereits an die hundert Meter stark und wird weiter wachsen.“
„Und die Küste?“
„Das kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Es gibt zu viele Variablen, weißt du, aber wir haben eine fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeit ermittelt, dass sie eisfrei bleibt.“
„Also wisst ihr es nicht genau.“
Ich nickte.
„Und die Menschen?“
„Sie können nicht bleiben. Egal, ob die Küste eisfrei bleibt oder nicht, die bewohnbare Zone wird schrumpfen.“
„Und das Festland? Wie ist deine Prognose?“
„Die Gleiche wie für die Inseln, Großvater. Der Rest des Golfstroms wird die Westküste warm halten, aber das Hauptland wird in ein paar Jahren vereisen. Ich kann dir die Wachstumsraten zeigen …“
Er schüttelte den Kopf, als ich nach dem Laptop griff.
Ich legte meine Hand auf seine. „Da ist noch was, Großvater.“
„Gibraltar?“
„Ja, Gibraltar. Es wird vollständig zufrieren. Nächstes Jahr schon. Und dann ist der Landweg nach Afrika offen.“


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Erzähl mir was von Afrika
Dr. Ronald Henss Verlag
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Tanja Blixen

Afrika – Afrikageschichte – Kurzgeschichte – Dänemark – Ngong-Gebirge – Tanja Blixen – Farm – Kaffeefarm – Schreiben – Afrikageschichten – Buchtipp – Afrikabuch


Ein letztes Mal – In Memoriam Karen (Tania) Blixen
© Anja Labussek

Wenn es auf dieser Welt einen Ort gibt, der die Bezeichnung „vollkommen“ verdient, dann ist das für mich der Gipfel des gewaltigen Ngong-Gebirges. Wie oft habe ich in den letzten siebzehn Jahren dort oben gestanden und meinen Blick schweifen lassen: Unter mir reichte weites Grasland bis hin zum Fuß des Kilimandscharo, auf der anderen Seite erstreckte sich die dürre Mondlandschaft der afrikanischen Tiefebene. Es war ein imposantes Farbenspiel aus Gelb-, Grün- und Brauntönen, in dem jedes Detail seinen tiefen Sinn hatte. Immer, wenn ich dort stand, überkam mich das Gefühl, einen Blick in die Seele Afrikas zu werfen.
An diesem Augustnachmittag des Jahres 1931 war jedoch etwas anders, als ich wieder hinaufstieg. Morgen schon würde ich die Rückreise in mein Geburtsland Dänemark antreten und meine afrikanische Farm für immer verlassen müssen. Das Bewusstsein, diese Landschaft zum letzten Mal zu sehen, hatte meine Wahrnehmung in eigentümlicher Weise geschärft und meinen Sinnen eine Intensität verliehen, die geradezu körperlich schmerzte. Lange hatte ich mich davor gescheut, doch nun war es an der Zeit, nicht nur von den Ngong-Bergen, sondern auch von Denys Abschied zu nehmen.
Er hatte mich schon erwartet. „Ich wusste, dass du noch einmal kommen würdest“, begrüßte er mich.
„Die letzten Wochen war ich damit beschäftigt, die Farm aufzulösen und meine persönlichen Angelegenheiten zu regeln“, sagte ich und war erstaunt, wie gefasst meine Stimme klang. „Es gab so vieles zu bedenken. Morgen nehme ich ab Mombasa das Schiff nach Europa. Aber ich kann nicht abreisen, ohne mich von dir zu verabschieden.“
„Du bist eine bemerkenswert tapfere Frau. Das alles muss dir ungeheuer schwer fallen.“
„Denys, was würdest du empfinden, wenn der einzige Platz, an dem du dich wirklich zuhause fühlst, nicht mehr deine Heimat sein kann?“, fragte ich ihn nachdenklich.
„Ich wäre vor allem dankbar“, antwortete er, „dankbar, dass ich das Glück hatte, viele Jahre an einem solchen Ort gelebt zu haben, der mein Innerstes zum Schwingen bringt. Das ist mehr als die meisten Menschen je erfahren dürfen.“
„Wird denn nicht dadurch die Trauer über das, was jetzt verloren ist, nur noch größer?“, hielt ich ihm entgegen. „Was um Himmels willen soll ich in Dänemark anfangen? Das Land ist mir fremd geworden, es wird mich einengen und mir die Luft zum Atmen nehmen.“
All der Kummer, den ich mühsam unterdrückt hatte, brach nun aus mir heraus. „Denys, warum hast du mich nicht unterstützt? Als ich dich am nötigsten gebraucht hätte, hast du mich allein gelassen. Gemeinsam hätten wir vielleicht das Geld aufgebracht, um die Farm zu retten. Aber nun ist es zu spät.“
„Mir ist klar, dass du dein Herzblut in diese Kaffeefarm gesteckt hast. Trotzdem musst du den Tatsachen ins Gesicht sehen.“ Denys’ Tonfall war sanft und doch eine Spur ungehalten. „Das Farmgelände ist für den Kaffeeanbau ungeeignet, es liegt viel zu hoch, als dass dort etwas gedeihen könnte. Glaub’ mir, wann immer ich bei dir auf Bogani war, habe ich mich dort genauso wohl gefühlt wie du. Aber die Farm war durch und durch unrentabel und mein Geld hätte sie nicht retten können, es hätte höchstens ihren Niedergang etwas hinausgezögert.“
Im Grunde wusste ich, dass Denys Recht hatte und dass ich nicht gegen seine handfesten Argumente ankommen konnte. Das ärgerte mich. „Du hast gut reden“, antwortete ich heftiger als ich wollte. „Du hattest schließlich deine Safaris und die Fliegerei, ich aber nur die Farm. Sie war mein Lebenswerk.“
„Du sagst es – sie war dein Lebenswerk, jetzt ist sie es nicht mehr. So hart das klingen mag: Es ist an der Zeit, deine bewundernswerte Energie für neue Aufgaben einzusetzen.“
„Wofür denn? Ich habe doch nichts gelernt. Ein paar Malkurse damals an der Kunstakademie in Kopenhagen und einige Geschichten, die ich abends aus Langeweile auf der Farm geschrieben habe – das ist alles, was ich je zustande bringen konnte.“
„Deine Geschichten … wie habe ich mich immer darauf gefreut, dass du sie mir vorliest, wenn ich von meinen Reisen auf die Farm zurückgekehrt bin. Und es war wunderbar, wie wir sie gemeinsam weitergesponnen haben. Versprich mir, nicht mit dem Schreiben aufzuhören, wenn du wieder in Dänemark bei deiner Familie bist.“
„Ach, ich weiß nicht, ob ich überhaupt talentiert bin“, wandte ich ein. „Malen und Schreiben, das habe ich immer gerne getan. Aber wer sagt, dass die Dinge einem auch wirklich gelingen, nur weil man sie gerne tut?“


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Namibia

Afrika – Afrikageschichte – Namibia – Namibiageschichte – Swakopmund – Wüste – Slum – Schwarze – Weiße – Vigs – Bier – Alkohol – Ovambos – Damara – Hereros – Rehoboth – Buschmänner – Buschmann – AIDS – Zauber – Zaubertrank – Aberglaube – Kurzgeschichte


Briewe uit Namibia, #12 Bruder Johannes
© Keno tom Brooks

Johannes saß auf dem nackten, festgetretenen sandigen Boden seines Steinhauses. Das Haus stand in einer langen gleichförmigen Reihe anderer Häuser, die wie die Glieder einer ineinander verwobenen Kette vom Stadtrand Swakopmunds in die Wüste hinausreichten. Es bestand nur aus zwei Räumen mit kleinen glaslosen Fenstern, die die Wüstenhitze in stetigem Luftstrom ins Haus ließen. Ein Regal mit ein paar alten Töpfen auf den verstaubten Brettern, ein schon lange nicht mehr benutzter Holzherd und ein paar Decken waren alles, was Johannes besaß.

Den Slum der Armen, die Mondesa, konnte man direkt von der einzigen Zufahrtstraße nach Swakopmund, der „Kaiser-Wilhelm-Allee“, sehen. So hatte die Regierung Häuser in der Mondesa errichten lassen, um den zahlungskräftigen Touristen nicht schon bei der Anfahrt den Urlaub zu verderben. Die Armut wurde hinter Steinfassaden versteckt, aber die Menschen lebten nicht besser als vorher in ihren Hütten aus Pappe und Blech. Johannes wohnte in der 7th Avenue, einer kleinen staubigen Sandpad, an deren gegenüberliegender Straßenseite die neu angekommenen immer noch ihre Hütten aus Abfällen und Unrat errichteten. Die Regierung duldete das, solange die Hütten nicht fest gebaut waren, nur Pappe, Holz und anderer Abfall lose zusammengefügt wurde. Regen gab es in der Wüste nicht. Die Bauwerke mussten nur die Sonne des Tages mildern und die Kälte der Nacht abhalten. Von Zeit zu Zeit kamen Beamte mit einem Bautrupp und bauten wieder einen Straßenzug mit zehn oder zwölf Häusern, rissen einige der Unterschlüpfe und Hütten jenseits der 7th Avenue ab und verschwanden wieder. Das Material ließen sie liegen, denn ein Abtransport war nicht notwendig. Es fand noch am gleichen Abend wieder Verwendung an anderer Stelle.

Es waren zu wenig Häuser für die vielen Menschen, die durch die Wüste aus dem Inland kamen um hier, in dem Touristenort an der Küste, ihr Glück zu machen. Und es gab zu wenig Arbeit, zu wenig Wasser und zu wenig Geld.

Johannes schlug mit einem Stein auf eine kleine Batterie, die vor ihm auf einem festen Teil des Bodens lag, aber der Stein war brüchig wie Krokant und kleine Splitter bedeckten den Boden rund um die Batterie. Neben ihm stand eine alte Plastikschüssel, verkratzt und dunkel, in der eine sämige Flüssigkeit schwamm. Er hatte schon ein paarmal hineingespuckt, denn Johannes wusste, dass viel Spucke auch viel Alkohol bedeutete. Das Pombe hatte er gestern schon aus Maismehl und etwas Zucker angesetzt. Jetzt musste er nur noch die Batterie aufschlagen, damit die Batteriesäure das Pombe stark machte. Stark wie den Löwen der Wüste.

Neben Johannes auf dem Boden lag sein Sohn auf einer alten, zerrissenen Decke. Schon seit Wochen konnte er nicht mehr aufstehen. Er war krank. Vigs. Die Weiße Krankheit. Er hatte schon früher davon gehört, aber alle hier in der Mondesa sagten, die Weiße Krankheit sei nur eine Erfindung der Weißen, damit sich die Schwarzen nicht mehr vermehren, damit sie keine Kinder kriegen und die Weißen das Land übernehmen können. Er hatte nie an die Weiße Krankheit geglaubt; und auch die Frau, die regelmäßig in den Ort kam und den Männern und Frauen erklärte, wie sie ein Plastiktütchen über einen Holzstock ziehen mussten um keine Krankheiten und keine Kinder zu bekommen, war von der Regierung bezahlt. Sie steckten unter einer Decke. Die Regierung, das wusste Johannes, die Regierung bekam ihr Geld von den Weißen. Aus Deutschland und aus Amerika. Außerdem hatte er schon gehört, dass das mit dem Stock nicht funktionierte. Einige hatten das ausprobiert, aber der Stock mit dem Plastiktütchen in der Ecke des Zimmers hatte nicht vor Schwangerschaft und Krankheit geschützt. Schlechter Zauber. Johannes glaubte lieber an die Fetischmänner. Die wussten einen Zaubertrank aus Kuduschwänzen und Gepardenohren, aus Pavianleber und Nashornhorn zu brauen. Aber es wurde immer schwieriger, die Zaubertränke zu bekommen, weil die Weißen immer besser aufpassten, die Tiere immer weniger und die Zaubertränke immer teurer wurden.

Johannes schlug mit seinem Stein fester auf die Batterie und die Schweißnaht begann sich langsam nach außen zu stülpen.

Ah, es würde ein gutes Bier werden, ein starkes Bier. Er musste nur noch etwas Geduld haben, bis er diese Batterie aufhatte. Nur etwas Geduld. Der Stein in seiner Hand zerbröckelte fast vollständig unter dem nächsten Schlag und er nahm einen anderen von dem Haufen, den er sich zurechtgelegt hatte.

Jetzt lag sein Sohn hier auf dem Boden und konnte nicht arbeiten. Seine Frau war schon lange mit einem Ovambo aus der Stadt verschwunden. Der hatte Geld. Ovambos hatten immer Geld. Sie waren die Regierung, saßen in ihren schwarzen Mercedeslimousinen mit Klimaanlage und ließen sich durchs Land fahren. Das Geld, die Wirtschaftshilfe, die Entwicklungshilfe, die Zuwendungen, die sie für Namibia erhielten, verteilten sie in ihren Familien und nur wenig blieb für die Projekte, für die die Menschen in Europa überall sammelten und spendeten. Ah, die Ovambos aus dem Norden. Eingewandert aus Angola, haben sie hier heimlich die Macht übernommen, haben die Ureinwohner, die Buschmänner wie Karnickel gejagt und wie Schweine abgeschlachtet. Die Herero und Damara verdrängt, die Mischlinge in Rehoboth ins Abseits gestellt. Ihre eigenen Landsleute, Flüchtlinge vor dem großen Krieg jenseits der Grenze hungerten in Lagern wie Osire und hatten keine Zukunft. Oh ja, die Ovambos, die Herren im Land. Die Regierung. Schlimmer als die Weißen. Schlimmer als Vigs.

Johannes hatte noch vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Aber die Töchter waren schon lange verschwunden, irgendwo in Windhuk, in der großen Stadt lebten sie immer wieder bei anderen Männern, hatten selbst schon Kinder. Aber alle waren krank.


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Erzähl mir was von Afrika
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El Alamein

Afrika – Afrikageschichte – Ägypten – Kairo – Terroranschlag – Islamisten – El Alamein – Touristen – Wüste – Hitler – Oberleutnant – Kurzgeschichte


Malesch, Mädchen
© Susanne Weinhart

Geisterschiffe auf dem Nil. Nach dem Terroranschlag der Islamisten in Kairo vom Dritten kreuzten nur noch fast leere, blitzende Motorschiffe auf der braunen Suppe; die langärmeligen, safaribeigen Personen an Deck erschienen vom Ufer aus wie Leprakranke, die man nicht mehr an Land lassen wollte. Ein dahintreibender Zauberberg, Davos mit Schwimmflügeln.

„Die riechen förmlich nach Malariaimpfung“, meinte mein Vater. Weicheier, hieß das.

Auch beim Essen im La Palme d’Or waren wir fast eine Viertelstunde das Knetspielzeug von zwei Polizisten, die allein durch ihr Rasierwasser einen Raum schachmatt halten konnten. Der eine Polizist jonglierte mit meinen Tampons aus dem Camelbak, der andere richtete seine Wumme auf einen jung wirkenden Polen, der eben ein ägyptisches Baby abgelichtet hatte. Handschellen rasteten ein, er wurde über den Tisch geschmissen, dass der bunte Porzellankrug mit dem Besteck auf dem Boden zerbarst. Dann, behutsam, wie ein Entlaufener aus einem Altersheim, wurde er abgeführt; was ihm passierte, konnte ich mir vage und gleichzeitig in Zeitlupe vorstellen. Ich fühlte nichts mehr, steckte festgekorkt in einem Flaschenhals der Erschöpfung. Mein Vater sah ihnen nach wie zwei uniformierten Rockstars nach ihrer dritten Zugabe. Dieser Blick war eine einzige Ode an die Obrigkeit. Zwanzig Berliner Mauern waren zwischen uns. Die Tampons lagen auf den blauen Fliesen wie Angelköder zwischen den Splittern des Kameraobjektivs, der Gabeln und Messer, der Baguettebrösel; ich räumte meinen Rucksack wieder ein und fand den Reisepass glücklicherweise in einem feuchten roten Pulli. Meine Wasserflasche war ausgelaufen. Mein Vater aß sein zweites Mussaka mit militärischer Demut. Der Krankenhausverband beulte ihm die Hose aus.

Vor zwei Stunden waren wir mit dem maroden Geländewagen im islamischen Kairo angekommen. Mein Vater war als Erstes humpelnd hinter einem türkis fächelnden Vorhang eines Barbiers am Bab el Nasr (Tor des Sieges) verschwunden, nachdem er mir einen Packen weißer, mit Blutstropfen ornamentierter Tücher in die Hände gestoßen hatte. Wenn man sie auf dem sandigen Boden ausbreiten wollte, würde man sehen, dass es zerrissene Bettlaken waren, alte, schmucklose, mitgiftfähige Bettlaken, zu gut gewebt um sie schmerzlos zerreißen zu können. Wenig touristenlike stand ich mit tränenden Augen vor dem unscheinbaren Stadttor und verfluchte Kairo, Kontaktlinsen und kriegsnostalgische Väter. Ich versteckte meine langen Haare unter einem Baseballcap und wurde trotzdem erbarmungslos angemacht. Drei Fellachen, die den Vorgang beobachteten, amüsierten sich über mein „Fi muschkila?“ (Gibt’s ein Problem?). Wahrscheinlich sprach ich es falsch aus.
Wir hatten Bernd, den Kriegskameraden meines Vaters, schon einmal besucht,
in einem katholischen Nürnberger Vorort kurz vor Sylvester, als ich ungefähr neun war. Er hatte uns Dias von seinem Forschungsjahr in Windhuk gezeigt, wobei ich meistens seine Frau zwischen dunkel glänzenden Einheimischen mit nacktem Oberkörper bewundern musste. Dazwischen unzählige Dias von anemonenähnlichen Blüten und undefinierbarem Kraut. Bernd servierte Erasco-Hühnersuppe in Teetassen. Bernds Frau Diane war in Windhuk geblieben, was Bernd locker mit der Bemerkung „Da hab ich noch mal Glück gehabt“ kommentierte. Dabei spielte er mit der Klinge eines Schweizer Offiziersmessers und schnitt sich in den Daumen. Ich hatte damals furchtbare Angst vor dem Besuch. Mein Vater hatte mir erklärt, ohne Bernds Hilfe wäre er beim Aufstand im Warschauer Ghetto eingesetzt und nicht in den Zug nach Frankreich aufgenommen worden, ohne Bernd wäre er wohl tot, Bernd hatte für ihn in Ostpreußen in letzter Minute den Rucksack gepackt, und mich hätte es dann natürlich auch nicht gegeben. „Ohne Bernd wärst du auch nicht da. Also sei bloß nett zu Bernd. Zick ja nicht rum, hörst du?!“ Ich musste Bernd also für mein Leben danken, so schien es. Ich war also stumm wie eine patronenleere MP dagesessen, in einem kratzigen Pulli, den ich sonst wie Gräserpollen mied, und hatte zusammen mit meinem vor Unterwürfigkeit schwitzenden Vater Bernds Pläne angehört. Bernd war Oberleutnant a.D. und nebenbei Diplombiologe und wollte eine Forschungsstation in der Nähe von El Alamein aufmachen. In meiner Phantasie war das damals in der Nähe von Frankfurt. Maingegend eben. Arme Frankfurter Fauna, Bernd kam. „Da kenn ich doch noch jeden Halm“, prahlte er und sprach von seinem Minentrupp. „Mädchen, da unten liegen noch Minen, da ist das Sylvesterfeuerwerk bei euch in München Peanuts.“ „Papa, fahren wir auch nach El Alamein?“, fragte ich atemlos vor Schreck. „Klar, Hajo, ihr kommt mich besuchen, das ist ein Befehl!“ Bernd knallte zwei kühl gestellte Bierflaschen auf den Tisch, als müsste er damit vierzig Ameisen zerdrücken. Das war ein Befehl mit Damoklescharme. Ich vergaß ihn irgendwann im Gymnasium.

Mein Vater kam aus dem Haus des Barbiers, als mich ein Bakschischjäger an der Bluse zog. Sofort ließen die Männer von mir ab und brachen in wieherndes Gelächter aus. „Heil Hitler“, kreischten sie, eigentlich „El Itla“, und streckten ihre dunklen Arme wie angespitzte Lanzen nach ihm. Der Barbier hatte meinem Vater ein Hitlerbärtchen verpasst und die Haare scharf gescheitelt. Er sah zum Fürchten aus, mit seinen schwarzen, öligen Haaren und der sich vor Sonnenbrand pellenden Gesichtshaut. Einen Spiegel hatte es beim Barbier wohl nicht gegeben; ich klärte ihn nicht auf, sondern hielt ihm wortlos den Bettlakenwust hin, den er sich wieder um das rechte Bein wickelte. „Fahr du“, befahl er weinerlich bis aggressiv bzw. aggressiv bis weinerlich. Meine Augen brannten wie Pfannen, als ich den Jeep anließ. Die Lederfläche meines Sitzes kochte, er schien an meiner sandigen Jeans zu kleben. Hinter dem grünen verbeulten Jeep liefen bestimmt vierzig Kinderfüße her, ich sah ein zerlumptes Mädchen im zerkratzten Außenspiegel, das uns Steine und Sand hinterherwarf. Sie traf uns nicht mehr und traf mich doch.

Wir waren nicht direkt nach El Alamein gefahren.


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Nachbarn

Afrika – Afrikageschichte – Tropen – Weiße – Nachbarn – Fremde – Waschmaschine – Abwasch – Kühlschrank – Kurzgeschichten


Nachbarn
© Margit Breuss

„Fadi“, ruft Amina aus der Hütte, „lass die Nassara in Ruhe!“
Noch immer zucke ich zusammen, wenn ich unumwunden „Nassara“ genannt werde: „Weiße“. Jedes Mal werde ich mit der Nase auf das gestoßen, was offensichtlich ist: Ich bin anders. Doch eine „Andere“ zu sein oder als solche bezeichnet zu werden, ist nicht dasselbe. Und Fadimatou besteht darauf, mich bemerkenswert zu finden.
„Aber Mama“, ruft sie in die Hütte, „die Nassara trägt den Kochtopf wie ein Baby.“
Ich starre auf den Topf mit Reis, den ich in den Händen halte.
„Fadimatou“, sagt Amina, tritt aus der Hütte und fasst ihre Tochter am Arm, „sie kann nichts dafür. Ihre Haare sind einfach zu rutschig.“
„Ach, lass sie nur“, beschwichtige ich und stelle den Topf auf die Erde, „sie hat ja Recht. Wo käme man auch hin bei euch, wenn man die Hände zum Tragen bräuchte.“
Tatsächlich ist es anstrengend gewesen, den Reistopf den Hügel heraufzuschleppen. Vorbei am letzten Maisfeld des Dorfes über den schmalen, ungeschützt der Sonne ausgesetzten Pfad bis zur Familie Ousoumanou, meinen Nachbarn. Der Reis ist mein Geschenk. Die Familie hatte mich zum Essen eingeladen und ich war mir nicht sicher gewesen, was ein passendes Geschenk zu diesem Anlass wäre. So war ich in Gedanken durchgegangen, was ich selber im Lauf der Woche geschenkt bekommen hatte: Reis, eine meterlange Bananenstaude, einen lebenden Hahn und eine Tomatenmarkdose, gefüllt mit gebratenen Termiten. Am liebsten hätte ich natürlich eine Termitendose mitgenommen. Doch die Termiten hatte ich längst weitergeschenkt und ich selber verstehe mich leider nicht auf die Zubereitung von Termiten. Den Hahn hatte ich, unwillig ihn zu köpfen, eine Nacht lang in einer Kiste im Wohnzimmer untergebracht. Am nächsten Morgen brachte ich den armen Kerl, der vom stundenlangen Protest völlig erschöpft war, zum Haus des Bürgermeisters, wo er sich sogleich in die dortige Hühnerschar eingliederte. Und so blieb mir nur die Wahl zwischen einem Topf Reis und einer Bananenstaude. Natürlich hatte ich mich für das leichtere Mitbringsel entschieden.
Die Ousoumanous, ich weiß nicht ob sie wirklich so heißen, jedenfalls steht Amina Ousoumanou auf dem Heft der Gesundheitsstation, wo ich die Nachbarin kennen gelernt habe, leben zwar nur zweihundert Meter hügelaufwärts hinter unserem Haus, doch auf diesen zweihundert Metern verändert sich die Welt. Unser Haus ist das letzte im Dorf, das ans Strom- und Wassernetz angeschlossen ist. Das Haus ist außen weiß getüncht, es verfügt über blau gerahmte Fenster mit klappbaren Glasscheiben und Moskitogittern dahinter und eine blaue Tür, die am Boden nicht dicht abschließt, was die Kinder des Dorfes in Verzückung versetzt. Durch den Türspalt fällt in der Dunkelheit Licht, und dieses Licht zieht Termiten an, die dort zuhauf von den Kindern eingesammelt werden können. Hinter dieser Tür befindet sich unsere Küche. Gleich hinter der Tür liegen jeden Morgen die Termiten, die sich in der Nacht durch den Türspalt durchgedrängt haben: Immerhin etwa zwei Hände voll pro Tag. In dem schmalen Raum befinden sich rechts der Gasherd und der Kühlschrank, links die Abwasch. Leider ist die Abwasch nicht ans Abwassernetz angeschlossen, sodass sie nicht im herkömmlichen Sinn zu verwenden ist. Wir waschen das Geschirr in großen Bottichen, das Abwasser schütten wir hinter das Haus. Neben der Küche gibt es ein Wohnzimmer mit einem Esstisch und acht Stühlen, was in Anbetracht unserer Besucher stets etwas knapp bemessen ist; daneben steht eine Sitzgarnitur, etwas altmodisch zwar, aber sie erfüllt ihren Zweck. Hier finden zwölf Besucher Platz, wenn sie sich ein bisschen zusammendrängen. Leider hatten wir die Krätze in den Sitzpolstern und es war gar nicht leicht, sie wieder herauszubekommen, sodass wir über die Sitzgarnitur praktisch wochenlang Quarantäne verhängen mussten. Hinter dem Wohnraum geht es weiter zur Dusche und zu den beiden Schlafräumen, einen für meine Kollegin, einen für mich. In der Dusche gibt es fließendes Wasser und eine Spültoilette, beides mit dem Abwassersystem verbunden. So können die sanitären Einrichtungen regelgerecht benützt werden, wenn es im Dorf gerade Diesel gibt, denn mit Diesel werden die Stromaggregate betrieben, die ihrerseits wieder die Wasserpumpen betreiben. Und nicht zu vergessen: Unser Haus hat ein Wellblechdach. Wenn der tropische Regen auf dieses Dach trommelt, ist im Inneren des Hauses zwar kaum eine Unterhaltung möglich. Doch das Dach hat den Vorteil, dass es nicht alle paar Jahre erneuert werden muss, was uns sehr recht ist.


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Sinnverkehr(t)

Afrika – Afrikageschichte – Südafrika – Kapstadt – Tafelberg – Südafrikageschichte – Shoprite – Hare Krishna – Nannies – Humor – lustige Geschichte – Kurzgeschichte


Sinnverkehr(t)
© Christiane Stüber

Eine Wolkendecke – halb Nebel, halb Luftverschmutzung – verhüllt den Berg. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast vergessen, dass er sich dort inmitten der Stadt erhebt. Manchmal vergisst man es tatsächlich für ein paar Tage, weil es hier unten im urbanen Tal so viel Zerstreuung gibt. Die Kapstädter sagen, dass der Berg ihr Ruhepol ist, dass sie nur ihm ihre entspannte Art zu verdanken hätten. Man spricht hier gern von Energien und geheimnisvollen Kräften. Das gehört genauso zum Alltag wie zertrümmerte Fensterscheiben und durchstochene Reifen.
Kapstadt ist meine neue alte Heimat. Nach einem Jahr in Deutschland bin ich hierher zurückgekehrt. Dabei hatte ich mit diesem Land und seinen Menschen bereits gründlich abgeschlossen. Ich hatte mich in Berlin sehr wohl gefühlt und die Stadt mit dem massiven Berg, dem Ozean drum herum und meiner zerbrechlichen Liebe nicht einmal besonders vermissen wollen. Doch als ich eines Abends allein am menschenleeren S-Bahnhof Bellevue stand, hat sich etwas in mir herumgedreht. Das war nach einem Konzert gewesen. Ich war wunderbar melancholisch gestimmt. Die Künstlerin hatte von unglücklichen Lieben und sehnsuchtsvoller Einsamkeit gesungen und ich hatte heftig applaudiert. Ich hatte dazu geraucht und ein Glas Rotwein getrunken. Es war schön, sich so genüsslich mit dem Leiden zu identifizieren. Ich kam mir dabei außerordentlich erhaben vor. Ein ganz spezielles Gefühl. Wie ich mich allerdings hinterher über der Großstadterde weiterhin so herrlich erhaben und speziell fühlen wollte, kam mir plötzlich ungebeten zu Bewusstsein, dass es furchtbar kalt war – was mich Ende Februar freilich nicht weiter verwundern sollte – und dass ich gleich in eine leere Wohnung zurückkehren müsste. Die nächste Bahn würde in fünf Minuten kommen. In diesen fünf Minuten war es mir nicht möglich, die Romantik des Alleinseins heraufzubeschwören. Ich fror im modischen, aber viel zu dünnen Mantel, meine Nase lief, ohne dass ich ein Taschentuch dabeigehabt hätte. Kurz bevor die Bahn endlich einfuhr, blies der frostige Februarwind durch die Halle. Dieser eisige Wind, der mir damals in Herz und Knochen fuhr, flüsterte eindringlich, dass es hier kein Zuhause für mich gäbe. Ein Haus braucht einen Ofen, jedenfalls im Winter, auch wenn der manchmal rußt. Mein Haus war an einem anderen Ort. Und so blies mich der kalte Berliner Wind eines Tages sanft zurück, hinab in die dampfende Stadt im Süden.
Da bin ich nun, in einer Stadt, in der es gerade Frühling wird. Auf meinem Fensterbrett blüht eine Osterglocke. Es ist September. Am Morgen laufe ich die zehn Minuten bis zur Hauptstraße, der Main Road. Ich bin die einzige weiße Frau, die sich um diese Zeit zu Fuß vorwärts bewegt, hauptsächlich in Gesellschaft von dicken schwarzen Nannies, die im langsamen Wiegeschritt auf dem Weg zu ihren weißen Arbeitgebern sind. Der Tankwart an der BP Tankstelle winkt mir freundlich mit seiner stählernen Handprothese zu. Ich weiß nicht, wo er die Hand verloren hat. Wir haben noch nie miteinander gesprochen. Wenn man kein Auto hat, kommt man selten mit einem Tankwart ins Gespräch. Man winkt nur. Landmine? Angola? Ich werde ihn fragen, auch ohne Auto. Morgen vielleicht.
An der Brücke rennt ein Mann in verschlissenen Kleidern mit gehetztem Blick an mir vorbei. Er trägt einen dürren Hund auf dem Arm. Hund und Herrchen schauen mich für den Bruchteil einer Sekunde verängstigt an. Ein paar Schritte weiter liegt zerbrochenes Glas auf dem Gehweg verstreut. Eine blond gelockte Dame und ein junges Mädchen mit Handtasche suchen die Böschung ab. Der chromblitzende Jeep steht mitten in der Kurve, die Warnblinkanlage flackert nervös. „Wo ist er, wo ist er nur?“, fragt das Mädchen. Ich überlege: Was haben die beiden Frauen, das zerbrochene Glas auf dem Gehweg, das Auto und der rennende Mann mit dem Hund miteinander zu tun? Wie lange wird es dauern, bis jemand dem aufgeregten Mädchen die paillettenbestickte Handtasche entwendet? Ich kann keinen Schaden am Fahrzeug entdecken, alle Scheiben sind intakt. Hat sie den Hund angefahren? Aber warum ist er dann mit ihm weggerannt? Und woher kommt das zersplitterte Glas auf den Gehweg?
Ohne meine Überlegungen zu einem nennenswerten Ergebnis führen zu können, trotte ich weiter zum Fish & Chips Stand am Busbahnhof. Die Abgase der gelben Uraltbusse, die man zuversichtlich immer noch „Goldene Pfeile“ nennt, vermischen sich in schönster Synergie mit zwei stinkenden Fehlzündungen und den entrüsteten Rufen einer Marktfrau. Ich kaufe mir eine Tüte Calamari mit Pommes zum Frühstück und stelle mich schließlich wartend an die Straße. Die Luft riecht nach verbleitem Benzin, Öl, Fett und Knoblauch. Ein Kirchenchor singt und tanzt vorm Eingang zum Shoprite, der südafrikanischen Antwort auf Aldi. Daneben ist ein Schild aufgestellt, auf dem die Künste eines afrikanischen Wunderheilers und Astrologen angepriesen werden. Dem Namen des Spezialisten ist mutig ein „Professor“ vorangestellt. Man weiß sich in einer modernen Stadt der südlichen Hemisphäre durchaus auch dem europäischen oder europäisierten Zweifler glaubwürdig zu machen. Es hätte mich in diesem Moment nicht verwundert, wenn plötzlich von irgendwoher ein Hare Krishna, ein Quäker oder ein Zeuge Jehovas aufgetaucht wäre. Religion ist hier sehr dynamisch und wird feilgeboten wie überreife Avocados: im Zehnerpack. Man sucht sich die besten Stücke aus dem Sack und bäckt sie mittels erhöhter Herzenswärme zu seinem eigenen Hoffnungskuchen zusammen. Konsistenz bedeutet nichts. Hauptsache es funktioniert und man kann dazu tanzen.


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Erzähl mir was von Afrika



Erzähl mir was von Afrika
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-2-9 (Buch)
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Der Mann auf dem Dach

Afrika – Afrikageschichte – Südafrika – Stellenbosch – Oranje – Falke – Rassentrennung – Attentat – Weiße – Schwarze – Mischlinge – Rassen – Rassenhass – Townships – Spannung – Kurzgeschichte


Der Mann auf dem Dach
© Regina Besting

Der Falke sitzt auf dem Dach. Schweigend, observierend. Sie nennen ihn den Falken, weil er bevorzugt von hohen Positionen aus arbeitet. Er ist gut. Nicht der Beste, aber ausreichend für diesen Job. Der Beste wäre vermutlich sowieso ungeeignet gewesen, dieses Mal. Und wozu unnötig Geld ausgeben?
Er wartet, den Rücken gegen die überstehende Hausmauer gelehnt, die Beine leicht angewinkelt, die Füße beide fest auf dem Boden. Er betrachtet die kleinen weißen Kieselsteine, die auf der Teerdecke verstreut wurden. Seine Schuhe haben leichte Spuren hinterlassen. Es sind die einzigen hier oben. Vor ihm hat vermutlich noch nie jemand das Dach betreten, von den Bauarbeitern vor zwanzig Jahren einmal abgesehen. Doch lange wird das nicht so bleiben. Er versucht sich vorzustellen, wie viele Füße den Kies hier oben bis zum Ende des Tages zertreten werden. Er kann es nicht, es lenkt ihn zu sehr vom Wesentlichen ab. Er wartet. Man hatte ihm gesagt, er würde um Punkt 15 Uhr nachmittags vorfahren. Und dann will der Falke bereit sein. Noch zwanzig Minuten.
Langsam greift er in seine Jackentasche und zieht ein Päckchen Zigaretten heraus. Ein Bier wäre ihm jetzt lieber, ein frisches, kaltes Castle gegen die unerbittliche Hitze. Doch er weiß, dass selbst ein kleines Bier seine Konzentration einschränkt. Und heute darf er keinen Fehler machen. Daniel würde es ihm nie verzeihen und die Sache wäre verloren. So ganz verstanden hatte er seinen Auftrag nicht. Aber Daniel hatte auch nach mehrmaligem Fragen nur gemeint, dass Verstehen nicht wichtig sei. Nur die korrekte Ausführung zählt. Und deshalb wird er es auch tun. Er wird es nicht verstehen, doch er vertraut Daniel. Der weiß schon was er tut. Immerhin spielt er eine große Rolle in der Organisation.
Er öffnet die Schachtel. Nur noch eine einzige Zigarette. Er hätte sich besser einteilen sollen. Er zieht sie heraus, zündet sie an und nimmt genießerisch den ersten Zug. Der erste Zug ist immer der beste, findet er. Doch dieses Mal schmeckt er ein wenig bitter. Er dreht sich um, bleibt in der Hocke, ein Knie auf dem Boden. Er darf nicht gesehen werden. Er schaut auf den großen Braak-Platz hinunter. Eigentlich mehr eine Rasenfläche. An der Südseite die kleine Kirche, die durch unzählige Ansichtskarten berühmt geworden ist. Direkt dahinter die Kleinbusse der Schwarzen. Taxis nennen die sie, doch eine offizielle Genehmigung haben die wenigsten der Fahrer. Und die Regierung sieht natürlich tatenlos zu! An der Ost- und der Nordseite des Platzes stehen dichte Büsche und Bäume, dahinter kleinere Mehrfamilienhäuser. Alles unbrauchbare Positionen. Deshalb ist er hier oben; auf dem einzigen höheren Haus der Umgebung. Und von hier aus beobachtet er die Touristen, die diese schöne Stadt schon seit Jahren überfallen, täglich, unabhängig von Jahreszeit und Wetter. Europäer meistens, manchmal Amerikaner und Australier. Sie streifen umher und beschauen die Altstadt als wäre sie ein Artefakt längst vergangener Zeiten. Was macht diesen Menschen das neue Stellenbosch nur so interessant? Vor einigen Jahren noch war die Stadt wirklich schön. Er hatte sie geliebt und er war stolz gewesen, in der zweitältesten Stadt Südafrikas aufzuwachsen. Doch heute findet er nichts mehr an ihr. Seit sie ihre Pforten öffnen musste, für alles und jeden, sind jeden Tag mehr Slumbewohner gekommen, die sich anmaßen, sie zu besetzen. Ein ruhiges, weißes Leben ist seitdem nicht mehr möglich. Deshalb sind er und sein älterer Bruder an den Oranje-Fluss gezogen, in die neue Siedlung, wo noch wahre Weiße leben, nach den Regeln der Moral, denen sie so lange gefolgt waren und die sie beide sich sehnlichst zurückwünschen. Doch der Weg dorthin ist steinig, hatte Daniel gesagt. Und er vertraut Daniel.
Jetzt, um exakt 14:55 Uhr fährt der erste große Bus vor. Die Schulbusse kommen. Er kennt sie. Schon seit 1987, also Jahre vor dem Umbruch, erreichen sie mehr oder weniger pünktlich gegen 15 Uhr den Platz. Sie kommen von der „Stellenzicht Secondary School“, einer Mittelschule Stellenboschs im Stadtteil Jamestown. Sie wird vornehmlich von schwarzen Kindern besucht. Die Busse hielten schon immer auf der Straße zwischen seinem Standort und dem Platz. Die Kinder in den Bussen verteilen sich dann auf die kleineren Taxis und werden nach Hause befördert, wenn man diese verdreckten und verseuchten Townships vor der Stadt überhaupt ein Zuhause nennen kann. Nahezu zeitgleich mit dem Halten des Busses steigen sie aus. Kleine und größere, farbige und schwarze Kinder. Wer zu welcher Rasse genau gehört, könnte er nicht sagen. In der heutigen Zeit, wo die Mischung der Rassen nicht mehr überwacht wird, ist es unmöglich zu beurteilen, welches Kind reinblütiges Stammeskind und welches ein Mischling ist. Aber die Ordnung wird wiederhergestellt werden, eines Tages. Dafür hat er geschworen zu kämpfen, deshalb ist er hier.

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Erzähl mir was von Afrika



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Staub Afrikageschichte

Afrika – Afrikageschichten – Staub – Sand – Lager – Flucht – Europa – Soldaten – Großmutter – Hunger – Kinder – Kurzgeschichte


Als uns Kalal vom Staub erzählte
© Hassan Aftabruyan

Hier ist überall Staub. Es ist wirklich Staub, kein Sand, sondern feiner Staub, der sich festsetzt. Wie in Westernfilmen, in verlassenen Städten. Aber ich bin hier in keiner Stadt. Manu bin ich und im Nirgendwo gelandet.
Das Lager sah gar nicht schlimm aus. Einfache Hütten und kleine Waschstellen waren nebeneinander. Aber das Lager fühlte sich schlimm an. Als wir nahe genug waren, konnten wir die traurigen Augen der anderen spüren. Augen sieht man eigentlich, wie zum Beispiel die Augen meiner Großmutter. Sie schaute mich immer an, wenn es draußen kalt war oder wenn ich Angst hatte.
Ich konnte die Augen meiner Großmutter nicht mehr sehen, als sie starb. Sie wurde von einem Soldaten von hinten in den Kopf geschossen. Einfach so. Weil sie ihm seine Schuhe nicht putzen wollte. Mich hielt ein anderer Soldat an den Haaren fest. Ich konnte ihn nicht sehen. Er war nur eine Hand und eine Stimme. Ich sah die Augen meiner Großmutter, als sie lebte, wie sie weinte, als der Soldat seine Pistole an ihren Kopf hielt. Dann bekam ich einen harten Schlag auf meinen Hinterkopf.
Als ich aufwachte, sah ich um mich herum Arme, Beine und Köpfe liegen. An dem Blut klebten Fliegen, und ich habe angefangen ganz laut zu schreien.
Niemand hörte mich. Warum haben sie das getan? Warum haben sie mich leben lassen? Ich weiß nicht. Wir haben in einem kleinen Dorf gewohnt. Ich weiß nicht, wo dieses Dorf ist. Ich kann nicht mehr zurückfinden. Aber ich kann weite Strecken laufen, rennen und gehen. Deswegen bin ich auch weggerannt, bis ich nicht mehr konnte. Und danach noch weiter. Irgendwann waren da andere Kinder und ich hörte auf zu schreien. Wir alle hatten nur wenig zu essen. Wir hatten Hunger. Wir haben uns zusammengetan und gestohlen.
Wir wurden nach einigen Tagen von einem Mann aus Europa gefragt, ob wir nicht mit ihm kommen wollten. Er würde uns nach Europa bringen, wo viele kinderlose Familien uns gerne aufnehmen würden. Ich hatte noch nie von kinderlosen Familien gehört. Der Einzige in meinem Dorf, der keine Kinder hatte, war der verkrüppelte Onkel meines Vaters.
Und natürlich gingen wir mit dem Herren in der weißen Weste mit. Er brachte uns zu großen Lastern. Wir stiegen auf und fuhren aus dem einen Niemandsland in das andere. Auf der Fahrt hatten wir gute Laune, weil es genug zu Essen gab und niemand sein Gewehr auf uns richtete. Dann kam das Lager. Jeder musste seine Finger auf ein blaues Kissen drücken und danach auf ein weißes Papier, wo unsere Namen standen. Keiner von uns konnte lesen.
Ich träume nachts immer von meiner Großmutter. Sie wollte mir das Lesen beibringen. Großmutter hatte gute Augen, obwohl sie schon alt war. Aber ihre Augen sind alleine gestorben. Unser Priester hat einmal gesagt, im Moment des Todes sehnt sich die Seele nach einem Menschen, um die Last abgeben zu können. Damit die Seele zu ihren Ahnen aufsteigen kann. Ich weiß nicht, ob Großmutters Seele ihre Last abgeben konnte oder in einem Zwischenreich noch warten muss.
In meinen Träumen stehe ich vor einem großen Baum mit vielen weißen Früchten. Ich mache daraus eine Suppe. Wenn ich die Suppe essen will, sehe ich, dass darin die Augen meiner Großmutter schwimmen. Dann wache ich hungrig auf.
In der Dunkelheit rückten wir im Lager enger zusammen und unsere Körper berührten sich. In die besonders kleinen Ecken legte sich meistens Lasier. Er hatte eine mandelbraune Haut und erzählte immer, dass er einen Onkel in Amerika hätte, der uns retten wird. Dann lachte er mit großen weißen Zähnen. Ich vergaß die Augen meiner Großmutter und wurde müde von der Wärme der vielen Körper um mich herum. Meine Wunden heilten.
Plötzlich schien grelles Licht in unsere Hütte und überall waren Stimmen. Ich schrie laut. Das Blut war wieder da und auch die Augen von Großmutter.
Wir stiegen auf einen Laster und drängten uns aneinander. Der Sand sammelte sich in unseren Haaren. Wir hielten an. Lasier war sehr schwach und kam nur langsam vom Laster herunter. Der Laster setzte zurück und fuhr gegen ihn. Während sein kleiner schwacher Körper zerdrückt wurde, sah er mich an. Alles Gute und alles Schlechte gab er mir, und ich nahm es.
Seitdem träume ich von zwei Bäumen, von denen ich meine Suppe mache. Ein Baum mit Augen von Großmutter und ein Baum mit Augen von Lasier. Bald werde ich nichts mehr essen.


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Erzähl mir was von Afrika



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Das Buschmannohr

Deutsch-Südwestafrika – Namibia – Buschmann – Buschmänner – Drittes Reich – Adolf Hitler – Rassenpolitik – Rehoboth – Bastarde – Rassenhygiene – Rassenbiologie – Rassenpolitik – Erblehre – Vererbungslehre – Mendel – Rassenmischung – Mischlinge – Hottentotten – Buschmannohr – Südafrika – Kurzgeschichte – Arzt – Afrika – Afrikageschichte


Das Buschmannohr
© Birge Laudi

Theo hockte zwischen Umzugskisten in der fast leer geräumten Wohnung seines Großvaters und sortierte Bücher. Wählte, welche er mitnehmen wollte. Legte beiseite, die nicht in sein Interessengebiet fielen.
Theos Großvater war vor ein paar Tagen gestorben. In hohem Alter. Er war Arzt gewesen. Die Großmutter wurde seit Jahren in einem Heim betreut. Sie litt an der Alzheimer-Krankheit.
Theo hatte seine Großeltern sehr geliebt, doch es hatte Themen gegeben, die er zeit ihres Lebens kaum zu berühren wagte. Sprach er vom Dritten Reich, von Mitschuld und vom ‚Das müsst ihr doch gewusst haben‘, da zogen sich die Großeltern zurück, zurück in die Gegenwart: „Sind wir doch froh, dass diese Zeit vorbei ist“ und „was bringt es, immer darüber zu reden“ und „am besten, wenn man das alles vergisst“. Theo und seine Geschwister hatten es bald aufgegeben dieses Thema anzuschneiden.
Buch um Buch nahm Theo von dem Stapel, den er neben sich auf dem Boden aufgehäuft hatte. Plötzlich hielt er inne. Ein Buch über die menschliche Erblehre und Rassenhygiene aus der Zeit des Dritten Reiches. Der Namenszug seines Großvaters stand auf der ersten Seite. Daneben das Jahr. 1944. Da hatte Großvater bereits als Arzt gearbeitet. In einem Lazarett. Theo blätterte in dem Buch. Erstaunliche Sätze standen da. Fesselten ihn. Sätze, die das Gedankengut der Ärzte in Großvaters jungen Jahren gewesen waren.
Das klassische Werk über Rassenkreuzung ist das von Eugen Fischer über die Rehobother Bastards. Im Jahre 1908 hat er eine Mischlingsbevölkerung, Nachkommen von Burenmännern und Hottentottenfrauen, im damaligen Deutsch-Südwestafrika untersucht, die lebende Bevölkerung anthropologisch aufgenommen und die Sippentafeln zurück bis zu den Ausgangskreuzungen verfolgt, sodass der Grad und die Art der Mischung in jedem Falle sichergestellt waren. Das Mosaikspiel der zwischen Europäern und Hottentotten so stark verschiedenen Rassenanlagen trat in dieser Mischlingsbevölkerung klar hervor.
Und …
Fischers Werk wurde Grundlage und Programm einer neuen Wissenschaft, der Rassenbiologie, aus welcher dann unsere heutige Rassenpolitik herausgewachsen ist.
Und weiter …
Der Führer des Deutschen Reiches ist der erste Staatsmann, der die Erkenntnisse der Erbbiologie und Rassenhygiene zu einem leitenden Prinzip in der Staatsführung gemacht hat.
Theos Interesse war geweckt. Es ging um das, was seine Großeltern verdrängt, worüber sie nicht gesprochen hatten. Um die Vermischung von Rassen. Minderwertige Rassen. Um Rassenhygiene. All das musste Theos Großvater gewusst haben. Für Theo aber war vieles neu. Mendel, ja, dessen Gesetze hatte er in der Schule gelernt. Nicht aber, dass alles, was rein wissenschaftliche Vererbungslehre war, zur Legitimation für das Verbrechen an dem jüdischen Volk herangezogen wurde.
Seite für Seite blätterte er sich durch das Buch. Las hier einen Absatz, dort eine Erklärung. Überflog manches Kapitel.
Noch eine weitere Abhandlung über Vererbungslehre fand Theo unter Großvaters Lehrbüchern. Gedruckt im Jahr 1934. Darin stieß er im Zusammenhang mit der Erforschung der Rehobother Bastards und ihrer körperlichen Auffälligkeiten auf eine ungewöhnliche Geschichte. Sie fesselte ihn ebenso wie offensichtlich damals ihren Entdecker.
Hochinteressant ist das deutliche Herausmendeln des Buschmannohres, das in den Erbmassen der Hottentotten aus früheren Mischungen mit Buschleuten latent vorhanden ist und nun durch die Bastardierung eine Demaskierung erfährt.
Nie in seinem Leben hatte der Biologiestudent etwas von Rehobother Bastards und von einem Buschmannohr gehört. Wusste nichts über Eugen Fischer und seine Verbindung zur Rassenpolitik. Deutsch-Südwestafrika war nur eine geografische Bezeichnung ohne Sinn für ihn und Worte wie Hottentotten und Bastard kannte er lediglich aus der Kindheit und Schulzeit als üble Schimpfworte. Doch nun tauchten diese Begriffe in einem Zusammenhang auf wo es um Familien ging, um Ehen, die vor langer Zeit zwischen Europäern und Bewohnern Südafrikas geschlossen worden waren. Das war neu für ihn und aufregend.
Für den Rest des Tages versank Theo in den großväterlichen Büchern, die ihm eine bislang unbekannte Geschichte und ferne Welt erschlossen und nie geahnte Wünsche und Sehnsüchte hervorbrachten. All das Grauen der Rassenpolitik eines Adolf Hitler, das bei dem dürftigen Quell der Bastards aus Rehoboth und ihrem Buschmannohr begonnen und schließlich in den Gaskammern von Auschwitz geendet hatte, all das wurde in diesem Moment übertönt von den reizvollen Wörtern Rehoboth und Buschmannohr. Fremdartig und lockend. Melodisch das Rehoboth, ein Wort wie gesungen in einer uralten Sprache. Erlauscht von einem Ohr, das diese Melodie einer vergangenen Zeit einfängt. Die Melodie der Geschichte eines Volkes in einem fernen Land.
Der Zauber des Fremdartigen betörte Theo. Er regte seine Phantasie an, begann seine Gedanken zu besetzen, sickerte in seine Studien und schlich sich in seine Träume. Das Phantom Buschmannohr drängte sich in die Unterhaltungen mit seinen Studienkollegen, die ihn befremdet ansahen, ihn auch verspotteten.

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Erzähl mir was von Afrika



Erzähl mir was von Afrika
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Opa Yongai

Die Geschichte vom unglaublich fruchtbaren Opa Yongai
© Anne Grießer

Als Kinder fürchteten wir uns sehr vor Opa Yongai. Nicht dass er jemals etwas Böses zu uns gesagt hätte, überhaupt erhob er niemals seine Stimme, lächelte stattdessen freundlich wenn wir an seiner Hütte vorüberhuschten. Er saß bei Tag und Nacht auf seiner Veranda, wo er aß, im Sitzen schlief, Geschichten erzählte und schließlich starb. Manchmal hob er langsam die Hand und winkte uns zu, doch ich sollte elf Jahre alt werden, bis ich mich zum ersten Mal in seine Nähe traute.
Es waren die Vögel, vor denen ich mich am meisten fürchtete. Ständig flatterten und piepsten sie rund um Opa Yongais Kopf, besonders wenn gerade junge Regendommler geschlüpft waren. Sie schissen auf die Veranda, auf die Kleider meines Großvaters, auf sein verfilztes Haar.
Sie schleppten in ihren Schnäbeln lebende und tote Würmer heran, um ihre Jungen damit zu füttern. Und Opa Yongai bewegte sich nie, er war wie ein Baum mit einer mächtigen, wirren, grauhaarigen Krone.
„Warum brüten die Vögel in Opa Yongais Haar?“, fragte ich meine Mutter häufig.
„Das musst du ihn schon selber fragen“, antwortete sie stets.
Und mit elf Jahren traute ich mich endlich.
Zwischen seinen schwarzen, vollen Lippen steckte eine Marihuanazigarette, so gelb wie seine Zähne, die kreuz und quer in der dunklen Mundhöhle wuchsen, aber noch vollständig erhalten waren. „Die Vögel!“, kicherte er kindisch. „Ja, ja, die Vögel.“ Er spitzte die Lippen um mir anzudeuten, dass er mir ein Geheimnis verraten würde. „Das liegt, wie so vieles in meinem Leben“, flüsterte er, „an meiner unglaublichen Fruchtbarkeit.“
Ich machte große Augen.
„Setz dich zu mir, mein Junge. Dann werde ich dir die ganze Geschichte erzählen.“
Zögernd ließ ich mich auf dem alten Schemel nieder, der für Besucher bereitstand. Ich achtete allerdings darauf, Opa Yongai und seinen Regendommlern nicht allzu nahe zu kommen.
„Ich war damals etwa so alt wie du“, begann mein Großvater, nachdem er einen tiefen Zug genommen hatte. „Es muss also mindestens 120 Jahre her sein. Unser Dorf war damals viel kleiner und bei weitem nicht so modern. Es waren jene Zeiten, als die Ahnen noch mächtig waren, als wir nur wenig über den Islam wussten – und dennoch fromm waren.“
Er unterbrach seine Rede um Allah zu preisen, den er auf eine äußerst individuelle Art verehrte.
„Im Gegensatz zu dir“, fuhr er fort und zwinkerte, „war ich ein schwächlicher Knabe. In meiner Altersklasse war ich nicht nur der Kleinste und Dünnste, sondern auch bei weitem der Ängstlichste. Selbst vor einem Regendommler fürchtete ich mich, wenn er meinen Kopf umschwirrte! Stell dir das einmal vor!
Ich war ein Bild des Jammers – vor allem für meine arme Mutter, denn sie hatte neben sieben Töchtern nur mich als einzigen Sohn. Was hat sie nicht alles versucht, um einen starken Jungen aus mir zu machen! Mein Hals, die Hand- und Fußgelenke waren so üppig mit Amuletten behangen, dass ich mir einen merkwürdig schleppenden Gang zulegte, da mich die schweren Figuren fast in die Knie zwangen. Ich litt häufig unter Auszehrung und kein Heiler konnte mir helfen. Ein mächtiger Feind musste mir all diese Krankheiten auf den Leib hexen!
Besonders schlimm wurde es immer dann, wenn man mir den Kopf schor. Jedes einzelne verlorene Haar, so kam es mir vor, fügte mir höllische Schmerzen und schweres Fieber zu. Tagelang dämmerte ich vor mich hin, geschüttelt vom Frost, verfolgt von furchtbaren Träumen.
In einem solchen Zustand, mehr tot als lebendig, zog mich meine Mutter eines Tages aus der Hütte und schleppte mich ins Nachbardorf. Dort gab es einen Wahrsager, von dem man glaubte, er könne das ganze Leben eines Kindes aus einer Hand voll Kaurimuscheln lesen. Warum wir ihn nicht schon früher aufgesucht hatten? Ganz einfach: Er war nicht eben billig. Er war, ehrlich gesagt, sogar der teuerste Wahrsager, dem ich in meinen 131 Lebensjahren begegnet bin, so teuer, dass meine Mutter den Brautpreis von vier meiner sieben Schwestern dafür ausgeben musste, damit er mir meine Zukunft voraussagte. Da siehst du, mein Junge, wie groß die Liebe meiner Mutter war. Allah möge sie preisen!“
Opa Yongai gab sich seinen Erinnerungen hin und erst als ich schon glaubte, er sei eingeschlafen, erzählte er mit unheilschwangerer Stimme weiter.
„Fanon, der Wahrsager, war eine Furcht einflößende Person. Sein linkes Auge war blind, doch er konnte so beweglich damit rollen, dass nur noch das Weiße zu sehen war, während das rechte Auge völlig stillstand und gelangweilt auf das Säckchen mit den Kaurimuscheln starrte.
Das Erste, was Fanon tat, nachdem wir gezahlt hatten, war, meine Mutter vor die Tür zu schicken. Er verscheuchte sie wie eine lästige Fliege.
‚Wenn ein Mann aus dem Leben eines Mannes liest’, sagte er, ‚können Frauen schlimmes Unheil anrichten.’
Er warf seine Muscheln auf den Boden und betrachtete sie so ratlos, dass ich mich schon fragte, ob mein Fall völlig hoffnungslos sei, als plötzlich ein Geistesblitz seine Züge erhellte. Er begann zu singen und seine Stimme klang sehr heiser dabei. Schließlich strahlte er und schnalzte zufrieden mit den Fingern.
‚Gib mir ein Haar!’, befahl er ungeduldig.
Ich erschrak. Selbstverständlich wusste ich, wie viel Schaden ein Zauberer mit Haaren oder Fingernägeln anrichten konnte. Außerdem hatte mir meine Mutter erst vor drei Tagen den Kopf geschoren – es gab also nichts auszureißen.
‚Nicht vom Kopf!’, rief der Wahrsager. ‚Wenn du am Schwanz noch keine hast, dann gib mir eine Wimper!’
Es tat weh, als ich sie mir ausriss, doch das freudige Geheul des Wahrsagers machte den Schmerz wieder wett.
‚Du Glückspilz!’, brüllte er, nachdem er die Wimper in eine Schale mit Öl getaucht und danach ins Feuer geworfen hatte, wo sie stinkend verschmorte. ‚Siehst du das Leuchten des Feuers?’, rief er begeistert. ‚Die Ahnen lieben dich!’
Das war mir neu. Aber es klang gut.


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Nagobi

Nagobi und ihre Träume
© Carmen Caputo

Unbarmherzig brannten Sonnenstrahlen auf die staubbedeckte Erde Namibias und ließen die Luft vor Hitze flimmern. Seit Monaten hatte es nicht mehr geregnet. Die Trockenheit hatte die Hirsefelder zerstört, auch Jams und Maniok, und erschwerte das ohnehin mühselige Leben noch mehr.
Nagobi saß im Schatten der Holzhütte und sah den klaren Himmelszügen nach. Nein, Regen würde es auch die nächsten Wochen nicht geben, hatte Großvater gesagt, nicht mit diesem Himmel, nicht mit diesem Blau.
Nagobi dachte nicht weiter darüber nach. Sie hatte andere Gedanken in ihrem kleinen, dunklen Mädchenkopf.
In ihrem Schoß lag ein kleiner angeschmuddelter Schreibblock, der einzige Reichtum, den sie besaß. Sie schrieb gerne, die Handschrift zog flüssig über die durchgezogenen Linien, worauf sie sehr stolz war. Der Bleistift war alt und abgenutzt, nur kurze Zeit würde sie damit noch schreiben können. Geld, um einen neuen Stift kaufen zu können, besaß sie nicht.
„Er muss einfach noch ausreichen“, dachte sie energisch, „ich muss es schaffen, ich muss einfach.“ Dabei fegte sie etwas Staub von ihrem bunten Kleid, das Großmutter für sie genäht hatte, und begann zu schreiben.
Schon sehr früh – Nagobi hatte gerade Laufen gelernt – waren ihre Fantasie, ihr Ideenreichtum und ihre Neugier auf das Leben außerhalb des Dorfes ungewöhnlich gewesen. Nagobi fragte und fragte. Sie fragte, bis sie von den anderen Kindern belacht wurde und die Erwachsenen nur den Kopf schüttelten.
Die Männer ablehnend, denn Mädchen hatten nichts zu fragen, nicht in diesem Teil der Welt. Auch wenn Missionare und Hilfsorganisationen Schulen gebaut hatten und jeden Tag singende Kinder um sich scharten, tolerierten es die meisten Männer nur.
Die Frauen hingegen sahen Nagobi mitleidvoll an, denn sie ahnten, was für ein Leben ihr bevorstand und sie wussten, für ein Mädchen würde es besser sein, sich dem Dorf und den Traditionen anzupassen, je früher, desto besser.
Das war Großmutter Ragionis Rat: „Du musst lernen zu nicken, hörst du, Nagobi? Einfach nicken und du wirst ein gutes Leben haben.“
Nagobi nickte nicht und weder störten sie die bösen Blicke der Männer noch das Gelächter der Kinder. Je älter sie wurde, umso mehr begann sie die Welt zu hinterfragen.
Eines Nachts hatte sie wach gelegen und beschlossen, einen Traum aufzuschreiben, die Seiten in eine Glasflasche zu stecken und in den Fluss zu werfen. Sie hatte an der großen Wandkarte von Mutter Rutha entdeckt, dass der kleine Fluss, der sich am Dorf entlangzieht, in den Auob mündet, der wiederum in den Malopo und der in den großen, in den Oranje, der direkt ins weite Meer hineinfließt.
„Irgendjemand wird sie finden und die Welt verändern“, dachte sie, drehte sich um und schlief zufrieden ein.
„Was sitzt du denn hier herum, Nagobi, es gibt genügend Arbeit für dich!“ Verbittert starrte Martita zuerst auf das Mädchen, dann auf den Block in seinem Schoß. „Schreiben ist etwas für Reiche, merk dir das doch endlich.“
Sie selbst hatte nie Schreiben oder Lesen gelernt. In ihrer Kindheit hatte auf dem Dorfplatz noch keine Schule gestanden, sie hatte nie etwas anderes gelernt als sich um Haus und Familie zu kümmern. So war das Leben, so war Martita geboren, so in Tradition erzogen; und sie hatte früh gelernt es hinzunehmen.
„Woher du nur diesen Unsinn im Kopf hast“, schimpfte sie weiter.
Dieses Kind brachte ihr nur Ärger ein. Sogar die Dorfältesten hatten sich Gedanken über Nagobi gemacht und Martita darauf angesprochen.
„Martita“, hatten sie gesagt, „Schreiben und Lesen akzeptieren wir inzwischen, aber die Fragerei deiner Tochter ist bedenklich.“
Es hatte Mutter Rutha, einer deutschen Ordensschwester, einige Monate Überzeugungsarbeit gekostet, bis die Dorfältesten zögernd den Mädchen den Besuch der kostenlosen Schule erlaubt hatten. Aber damit war ihre Einsicht auch am Ende. Eine Frau blieb schließlich eine Frau, ob mit oder ohne Bildung, darüber waren sie sich einig.
„Du bist die Mutter, du musst ihr die Träume ausreden. Du musst sie auf das Leben als Frau vorbereiten.“
Martita nickte wie sie immer nickte, wie sie es gelernt hatte zu nicken. Von Großmutter.
„Sie haben ja Recht“, dachte Martita, „Aber soll es ihr wirklich so ergehen wie jeder hier im Dorf? Die Zeiten haben sich verändert, vielleicht verändern sich auch die Köpfe der Menschen.“


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Erzähl mir was von Afrika



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Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-2-9 (Buch)
ISBN 978-3939937-66-1 (eBook epub-Format)
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